Fische fühlen
Warum sie unser Mitgefühl genauso verdienen wie andere Tiere
Als Tierschutzverein engagieren wir uns für alle Tiere. Mit unserer neuen Rubrik „Tierschutz-Wissen“ erweitern wir den Blick auf Tierwohl und Tierschutz – über Hund und Katze hinaus.
12.07.2026
Wenn ein Hund humpelt, winselt oder Schmerzen zeigt, reagieren wir instinktiv. Wir sehen sein Leid und möchten helfen.
Bei Fischen ist das anders. Sie schreien nicht. Sie weinen nicht. Ihr Leben spielt sich unter der Wasseroberfläche ab und genau deshalb bleibt ihr Leid für uns oft unsichtbar. Doch nur, weil wir es nicht sehen oder hören können, bedeutet das nicht, dass es nicht existiert.
„Es gibt genauso viele wissenschaftliche Belege dafür, dass Fische Schmerz empfinden und leiden, wie für Vögel und Säugetiere“, sagt Victoria Braithwaite, britische Meeresbiologin und Verhaltensforscherin.
Die Wissenschaft zeigt eindeutig: Fische sind empfindsame Lebewesen. Sie können Schmerzen empfinden, lernen, Erinnerungen bilden und soziale Beziehungen eingehen. Trotzdem gehören sie zu den Tieren, deren Leid am häufigsten übersehen wird.
Empfinden Fische Schmerzen?
Lange wurde angenommen, Fische würden auf Verletzungen lediglich reflexartig reagieren. Heute weiß man, dass diese Annahme nicht mehr haltbar ist.
Fische besitzen Schmerzrezeptoren, sogenannte Nozizeptoren, und zeigen nach schmerzhaften Reizen deutliche Verhaltensänderungen. Sie reiben verletzte Körperstellen, verweigern Nahrung und verändern ihr Verhalten über längere Zeit. Besonders empfindlich ist ihr Maul, denn dort befinden sich besonders viele Schmerzrezeptoren. Genau dort dringt beim Angeln der Haken ein und kann zusätzlich Kiemen oder sogar die Speiseröhre verletzen. [1]
Was für viele Menschen nur ein kurzer Moment ist, kann für den Fisch erhebliche Schmerzen bedeuten.
Warum Angeln für Fische so viel Leid bedeutet
Viele Menschen verbinden Angeln mit Ruhe, Natur und Entspannung. Für den Fisch beginnt in diesem Moment jedoch ein verzweifelter Überlebenskampf.
Sobald der Haken sitzt, versucht der Fisch mit aller Kraft, zu entkommen. Dieses Ziehen an der Angelschnur wird beim Angeln als Drill bezeichnet. Für den Fisch bedeutet dieser Drill extremen Stress und körperliche Erschöpfung. Während er verzweifelt gegen die Schnur ankämpft, steigt der Sauerstoffbedarf seines Körpers immer weiter an. Gleichzeitig sammelt sich Milchsäure in den Muskeln an, weil sie nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden. [4]
Anschließend wird der Fisch aus dem Wasser gehoben. Was für Menschen nur wenige Sekunden erscheinen mag, bedeutet für ihn Erstickungsstress. Außerhalb des Wassers können seine Kiemen keinen Sauerstoff mehr aufnehmen. Er ringt nach Luft, obwohl keine Luft mehr an den Ort gelangt, an dem er atmen kann. [2]
Selbst wenn der Fisch anschließend wieder freigelassen wird, endet sein Leid häufig nicht. Untersuchungen zeigen, dass viele Tiere später an den Folgen der Verletzungen und des enormen Stresses sterben. Bei Zandern liegt diese sogenannte Post Release Mortalität bei rund 24,6 Prozent. Auch das Anfassen mit trockenen Händen kann ihre schützende Schleimhaut zerstören und sie anfällig für tödliche Infektionen machen. [4]
Fische fühlen nicht nur Schmerz, sondern auch Stress ihrer Artgenossen
Fische werden oft als gefühllose Einzelgänger wahrgenommen. Tatsächlich zeigt die Forschung ein anderes Bild.
Viele Fischarten leben in sozialen Gruppen, erkennen andere Individuen wieder und reagieren aufeinander. Besonders bemerkenswert ist, dass sie den Stress ihrer Artgenossen wahrnehmen können. Studien mit Zebrafischen zeigen, dass allein der Anblick eines verängstigten Fisches ausreicht, um bei anderen Tieren ebenfalls Angstreaktionen auszulösen. Dieses Verhalten ist an ein biochemisches System gekoppelt, das auch bei anderen Wirbeltieren für soziale Bindungen eine wichtige Rolle spielt. [3]
Das bedeutet: Wenn ein Fisch leidet, bleibt dieses Leid nicht zwangsläufig auf ihn beschränkt. Es kann Auswirkungen auf seine gesamte Gruppe haben.
Tierleid unter Wasser bleibt oft unsichtbar
Das Leid endet nicht immer mit dem Fang.
Verlorene Angelschnüre und Haken bleiben oft im Wasser zurück. Sie werden zu gefährlichen Fallen für Fische, Wasservögel und andere Wildtiere, die sich darin verheddern oder die Materialien verschlucken können. [3]
Viele dieser Schicksale bleiben für uns unsichtbar. Sie spielen sich unter der Wasseroberfläche ab und geraten deshalb leicht in Vergessenheit.
Was sagt das Tierschutzgesetz über Fische?
Dass Fische Schmerzen empfinden können, ist nicht nur wissenschaftlich belegt, sondern spiegelt sich auch im deutschen Tierschutzrecht wider.
Wer einen Fisch tötet, muss dies möglichst schnell und nach einer wirksamen Betäubung tun. Unsachgemäße Handlungen, etwa ein unnötig langer Drill oder eine fehlende Betäubung, können das Leiden erheblich verlängern und gelten tierschutzrechtlich als problematisch. [5]
Allein diese gesetzlichen Vorgaben machen deutlich, dass Fische nicht als gefühllose Lebewesen betrachtet werden.
Mehr Mitgefühl beginnt mit Wissen
Fische sehen anders aus als Hunde oder Katzen. Sie leben in einer Welt, die für uns nur schwer zugänglich ist. Vermutlich ist das der Auslöser dafür, dass es uns schwer fällt, uns in sie hineinzuversetzen.
Doch wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen eindeutig, dass auch sie Schmerzen, Stress und Angst erleben können. Ihr Leid ist nicht weniger real, nur weil es lautlos geschieht.
Mitgefühl darf nicht an der Wasseroberfläche enden. „Wenn uns das Wohlergehen von Tieren wichtig ist, sollte uns auch das Wohlergehen von Fischen wichtig sein.“ – Victoria Braithwaite.
Alle Tiere verdienen einen respektvollen und achtsamen Umgang. Echter Tierschutz beginnt genau dort, wo wir lernen, auch den Lebewesen Aufmerksamkeit zu schenken, deren Leid wir nicht sofort sehen oder hören können.
Quellen
Quellen zu diesem Beitrag:
[1] Sneddon et al. (2003): Do fishes have nociceptors? sowie Fische fühlen Schmerz
[2] Laubu et al. (2019): Pair bonding influences affective state sowie National Geographic: The Physiology of Air Exposure
[3] Oliveira et al. (2023): Oxytocin and social fear contagion in zebrafish sowie PETA: Angeln – Tierquälerei als Hobby
[4] Arlinghaus (2007): Physiological consequences of catch and release sowie Blinker Magazin: Arlinghaus zur Sterblichkeit nach dem Fang
[5] Tierschutzgesetz (§ 17) sowie Tierschutz Schlachtverordnung (§ 12)
Bilder:
[1] David Clode auf Unsplash
[2] Tomoko Saeki auf Unsplash
[3] Jeremy Bishop auf Unsplash
[4] Marius Masalar auf Unsplash
